UN-Ziel von 70 Prozent geimpfter Weltbevölkerung kläglich gescheitert

Berlin, 22.09.2022. Zwei Drittel aller Länder haben das von der letztjährigen UN-Generalversammlung gesetzte Ziel, 70 Prozent der Weltbevölkerung gegen COVID-19 zu impfen, nicht erreicht, wie Berechnungen belegen, die Oxfam und die People's Vaccine Alliance (PVA) heute veröffentlichen.

Oxfam und die PVA erkennen ein klares Scheitern bei dem von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gesetzten Ziel, welches US-Präsident Joe Biden der Staatengemeinschaft angetragen hatte.

Die COVID-19-Todesrate ist in Ländern mit niedrigem Einkommen deutlich höher als in Ländern mit hohem Einkommen. In ersteren hat weniger als die Hälfte der Bevölkerung eine Grundimmunisierung erhalten. Wenn sich die Situation nicht ändert, wird es fast noch zweieinhalb Jahre dauern, bis 70 Prozent der Bevölkerung in den ärmsten Ländern grundimmunisiert sind. Gleichzeitig beginnen die wohlhabenden Länder gerade mit der zweiten oder sogar dritten Booster-Impfung mit Impfstoffen der neuen Generation, die schon jetzt größtenteils von den wohlhabenden Ländern aufgekauft wurden. Pfizer/Biontech und Moderna verzeichnen erneut immense Gewinne und weigern sich weiterhin, ihre Technologie mit der WHO zu teilen, obwohl beide Konzerne öffentliche Förderungen erhalten haben.

Durch die geringe Impfquote ist der Bedarf an COVID-19 Medikamenten und Tests in Ländern mit niedrigem Einkommen deutlich größer als in wohlhabenden Ländern. Dennoch blockieren letztere momentan jeden Versuch, bei der Welthandelsorganisation (WTO) eine vorübergehende Freigabe der geistigen Eigentumsrechte für Medikamente und Tests zu erreichen. Berichte der globalen Initiative zur Pandemiebekämpfung ACT-Accelerator, die von den G20 ins Leben gerufen wurde, legen nahe, dass in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen fast gar keine antiviralen Medikamente für die ambulante Behandlung verfügbar sind.

Oxfam und die PVA machen in diesem Missstand die massiven Versäumnisse der internationalen Pandemiebekämpfung aus. Diese hat völlig ignoriert, dass Länder mit niedrigem Einkommen eine eigene Produktion benötigen, um ihre Versorgung sicherzustellen und das weltweite Angebot an medizinischen Mitteln zu diversifizieren. Oxfam und die PVA fordern die Regierungen der wohlhabenden Länder daher auf, die folgenden Ziele umzusetzen:

  • Die im Juni 2022 bei der WTO getroffene Vereinbarung zu COVID-19-Impfstoffen muss umgehend um Tests und Medikamente erweitert werden
  • Der globale Pandemievertrag muss sicherstellen, dass lebensrettende Impfstoffe, Tests und Medikamente als öffentliches Gut verfügbar sind, frei von Monopolen der Pharmakonzerne
  • Der mRNA-Hub der WHO in Südafrika muss weiter unterstützt werden. Um ihn zu schützen, muss Moderna aufgefordert werden, seine Patentanmeldungen in Südafrika zurückzuziehen, um zu gewährleisten, dass der Hub jetzt und in Zukunft die Freiheit hat, Impfstoffe gegen COVID-19 und andere lebensrettende Impfstoffe zu entwickeln
  • Zur Stärkung der Gesundheitssysteme in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen und um das Ziel von 70 Prozent geimpfter Bevölkerung weltweit zu erreichen, müssen sich die Regierungen der wohlhabenden Länder zu einer beispiellosen Finanzierungshilfe verpflichten
  • Der Vorschlag der großen Pharmakonzerne – die sogenannte Berlin Declaration – muss konsequent abgelehnt werden, weil die Entscheidung über Leben und Tod nicht Konzernen überlassen werden darf

Ein Bericht von Matahari Global Solutions, der Treatment Preparedness Coalition und der PVA befand kürzlich, dass die geringe weltweite Impfquote durch eine Kombination von unzuverlässigen Impfstofflieferungen, Mangel an antiviralen Medikamenten und unterversorgten Gesundheitssystemen verursacht wurde. Gerüchte über Impfskepsis seien instrumentalisiert worden, um in wohlhabenden Ländern das Versagen bei der Pandemiebekämpfung zu verschleiern.

Anna Marriott, Gesundheitsexpertin von Oxfam, erklärt: „Während ein Ende der Pandemie absehbar sein sollte, sind immer noch Hunderte Millionen Menschen in wirtschaftlich benachteiligten Ländern nicht vor COVID-19 geschützt. Wir fordern Regierungen der wohlhabenden Länder auf, diese Menschen nicht im Stich zu lassen, während das Virus weiter tötet und die Lebensgrundlagen der Menschen zerstört."

„Wir müssen das bestehende System, in dem Pharmaprofite mehr zählen als Menschenleben, grundlegend umgestalten. Wirtschaftlich benachteiligte Länder brauchen einen gleichberechtigten Zugang zu Impfstoffen, Tests und Medikamenten. Die gleiche tödliche Ungleichheit, die wir bei COVID-19 feststellen müssen, zeigt sich nun auch bei den Impfstoffen gegen Affenpocken. Die Regierungen müssen dem ein Ende setzen."

Oxfam ist Teil der PVA, einem Bündnis von fast 100 Organisationen, das sich für die Aussetzung der Patentrechte auf COVID‑19-Impfstoffe einsetzt. Zur UN-Generalversammlung hat die PVA hat Plakate in New York aufgehängt, die die COVID-19-Pandemie als „survival of the richest" darstellen. Hier finden Sie eine Karte mit den Orten, an welchen Plakate zu finden sind.