Zurück in die Steinzeit - Taliban verkünden Hochschuldoktrin


Universitäten und Abschlüsse haben im Vergleich zu Religionsgelehrten keine Bedeutung

 

„Nun ist es auch verkündet, was viele seit der Machtergreifung der Taliban befürchtet haben. Der amtierende Minister für höhere Bildung Abdul Baqi Haqqani erläuterte in einer Pressekonferenz belehrend: ,Mullahs sind besser als ein Arzt oder ein Meister. Sie sehen, dass die Mullahs und Taliban, die an der Macht sind, keinen Doktortitel, keinen Magister oder auch nur einen Highschool-Abschluss haben, aber sie sind die Größten von allen.' Was er nicht sagte, ist, dass die Taliban in den Koranschulen nur vermeintlich den Koran vermittelt bekamen. Vielmehr wurde eine menschverachtende Ideologie, die mit dem Koran überhaupt nichts zu tun hat, gelehrt", so Dr. Kambiz Ghawami, Vorsitzender des World University Service (WUS).

 

Im offiziellen Erlass Nr. 146 ist seitens der Taliban ein langes Regelwerk mit ihrer Hochschuldoktrin aufgeschrieben. Studentinnen wird der Zutritt zu den Universitäten nur mit einem schwarzem „Niqab" gestattet. Dabei handelt es sich um eine Kopf- und Gesichtsbedeckung, die nur einen schmalen Schlitz für die Augen frei lässt. Darüber hinaus ist ab sofort vorgeschrieben, das Studentinnen und Wissenschaftlerinnen und Frauen in der Hochschulverwaltung räumlich getrennt von Männern „gehalten werden" müssen. Ist dies nicht möglich, müssen Frauen und Männer durch einen Vorhang getrennt werden. Vorlesungen für Studentinnen sollen nur noch von Frauen gehalten werden. Lasse sich dies nicht umsetzen, sei auch die Vorlesung durch einen „alten Mann mit gutem Charakter" ersatzweise möglich. Die Regeln sehen des Weiteren vor, dass Frauen die Vorlesungsräume fünf Minuten vorher verlassen und in speziellen Räumen warten müssen, bis alle Männer das Gebäude verlassen haben. So sollen Begegnungen vermieden werden. Dies gilt auch für den Zugang zu den Räumen.

 

„Wir gehen davon aus, das diese Regelung nur der Beruhigung der internationalen Gemeinschaft für die heutige Geberkonferenz in Genf im Beisein von UN-Generalsekretär António Guterres dient. Die Taliban sind pleite und wollen durch solche Ankündigungen sowohl nach innen gegenüber den Fundamentalisten in ihren eigenen Reihen aber auch gegenüber der internationalen Gemeinschaft sagen, wir haben dazu gelernt und jetzt dürfen auch Frauen bei uns studieren. Dieses durchschaubare Spiel sollte die internationale Gemeinschaft klar benennen und ganz konkrete Bedingungen für ihre Hilfszusagen machen, auch für den Hochschulbereich", so Dr. Ghawami.

 

„Tausende afghanische Studierende, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler warten immer noch auf eine Gelegenheit, dem Taliban-Regime zu entkommen. Wir, die internationale Academic Community, sind aufgerufen ihnen beizustehen und ihnen eine Zukunftsperspektive zu ermöglichen", appelliert Dr. Ghawami.

 

„Geisteswissenschaftliche und sozialwissenschaftliche Disziplinen wird es unter den Taliban nicht mehr geben – sie werden ausschließlich ingenieurwissenschaftliche Studiengänge zukünftig erlauben. Denn auch die Taliban haben erkannt, entgegen dem Überlegenheitsanspruch der Taliban- Mullahs, dass sie besser seien als Akademiker je sein könnten, dass sie für das Staatswesen Fachkräfte benötigen. Der WUS hat daher bereits begonnen, ein Konzept zur Errichtung einer „Afghan Online Exile University" mit afghanischen Exil-Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zu gründen, die über Online-Angebote ein Minimum an akademischer Bildung in Afghanistan als auch in den absehbaren Flüchtlingslagern in den Nachbarstaaten von Afghanistan gewährleisten könnte. WUS hat bereits sehr positive Rückmeldung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und Hochschulen zu diesem Vorschlag bekommen und wir planen hierzu in Kürze eine internationale Konferenz", so Dr. Ghawami abschließend.

 



PRESSEMITTEILUNG

13.09.2021